{"id":2470,"date":"2020-07-01T10:09:05","date_gmt":"2020-07-01T10:09:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zorkawollny.net\/?p=2470"},"modified":"2026-10-08T17:36:28","modified_gmt":"2026-10-08T17:36:28","slug":"a-future-retrospective-von-zorka-wollny-im-trafo-rezensiert-von-urszula-usakowska-wolff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zorkawollny.net\/?p=2470","title":{"rendered":"KABEL KLINGEN&#8230; Retrospective von Zorka Wollny im TRAFO rezensiert von Urszula Usakowska-Wolff"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kabel klingen, Kugeln schwingen, Leute und Dinge singen<\/strong><\/p>\n<p>Die Soloschau\u00a0<i>Environment. A&nbsp;Future Retrospective von Zorka Wollny<\/i>\u00a0im TRAFO Center for Contemporary Art Szczecin verwandelt das ehemalige Umspannwerk in ein vielstimmiges Gesamtkunstwerk, das von der Beteiligung des Publikums lebt.<\/p>\n<p>Gro\u00dfer Rummel im ehemaligen Umformwerk: Kinder, Erwachsene und Hunde tummeln sich im imposanten Raum, der wie das Innere eines Turms aussieht. Auf den rechteckigen Glasplatten, die an einigen Stellen in den grauen Boden eingelassen sind, krabbeln Babys. Teenies mit Kopfh\u00f6rern liegen in u-f\u00f6rmigen, mit zackigem grafitfarbigem Schaumstoff gepolsterten Wiegen. Junge und Junggebliebene laufen \u00fcber den mit Papierschnipseln, Schotter, Kiesel, Zier- und Glassplitt gef\u00fcllten Sandkasten. So hinterlassen sie dort, auch wenn nur f\u00fcr eine Weile, nicht nur ihre Fu\u00dfabdr\u00fccke, sondern auch eine fl\u00fcchtige akustische Spur. Jedem Schritt auf diesem eigent\u00fcmlichen\u00a0<i>Seismographen<\/i>\u00a0folgt ein Ger\u00e4usch. Es knistert, es raschelt, es schallt und hallt, und alle haben ihren Spa\u00df daran, sich an dieser interaktiven Performance zu beteiligen. Sogar als Musizierende, denn viel Platz wurde dem\u00a0<i>Drum Loom<\/i>\u00a0einger\u00e4umt, wo jede(r) auf traditionellen oder schr\u00e4gen Instrumenten wie verrostete Industrie\u00f6fen, ausrangierte Edelstahlwaschbecken oder \u00d6lf\u00e4sser Schlagzeug spielen und trommeln darf.<\/p>\n<p><strong>Partituren f\u00fcrs Pfeifen und Murren<\/strong><\/p>\n<p>Das bunte und laute Spektakel\u00a0<i>Environment. A&nbsp;Future Retrospective<\/i>\u00a0in TRAFO Szczecin, eine gelungene Mischung aus Spielplatz, Volksfest und Ger\u00e4uschtheater, ist das Werk von Zorka Wollny (* 1980 in Krakau). Die in Berlin wohnende polnische Malerin ist in Kunst wie im Leben eine Grenzg\u00e4ngerin. Sie pendelt zwischen ihrer Wahlheimat und Szczecin, wo sie an der Kunstakademie Interdisziplinarit\u00e4t (Fakult\u00e4t f\u00fcr neue Medien) unterrichtet. Die Malerei ist f\u00fcr sie ein Bereich, der sich mit choreografischen und vokalen Mitteln am besten ausdr\u00fccken l\u00e4sst. Sie transformiert Museen, Galerien, Fabriken, Schl\u00f6sser und Stra\u00dfen in Klangk\u00f6rper, \u201earbeitet mit Architektur und Kontext als Partitur\u201c, schreibt psychodelische Chorst\u00fccke \u00fcber\u00a0<i>Dinge ohne Bedeutung, Polyphone Manifeste<\/i>\u00a0\u00fcber Proteste der polnischen Frauen gegen die Versch\u00e4rfung des extrem restriktiven und frauenfeindlichen Abtreibungsgesetzes sowie\u00a0<i>Widerstandslieder<\/i>, die aus Murren, Fl\u00fcstern, Pfeifen, einzelnen Silben und lautem Atmen bestehen und in Berlin, Warschau, Lodz, Istanbul, Graz, dem senegalischen Saint Luis live und nun auch im TRAFO Szczecin auf Tonband und Videos laufen. Zorka Wollnys\u00a0<i>Zukunftsretrospektive<\/i>\u00a0fordert Augen und Ohren, H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, K\u00f6pfe und K\u00f6rper des Publikums heraus. Es ist eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Schau: nicht linear und gradlinig, stimmungsvoll und dissonant, also voller Gegens\u00e4tze, die sie ganz einfach und zugleich recht kompliziert unter Dach und Fach bringt.<\/p>\n<p><strong>Banal und transzendental<\/strong><\/p>\n<p><i>A&nbsp;Future Retrospektive<\/i>\u00a0erstreckt sich \u00fcber alle offenen TRAFO-Ebenen wie das Untergeschoss, die zur ersten Etage f\u00fchrende Treppe, die Treppengalerien im ersten, zweiten und dritten Geschoss, und ist vor allem eine Dokumentation des von der K\u00fcnstlerin in den letzten 15 Jahren geschaffenen fl\u00fcchtigen \u2013 choreografischen und lautmalerischen \u2013 Werks. Zum einen experimentiert sie mit einer Disziplin, die als Verk\u00f6rperung der Onomatopoesie (Laut-, Klangmalerei) im Raum bezeichnet werden kann. Zum anderen sind ihre Installationen, in der sie arte povera, minimal art, akustische und dingliche Readymades verbindet, ortsspezifisch. Die Architektur, in der Zorkas Ausstellungen stattfinden, ist jedes Mal eine B\u00fchne, die sie mit Requisiten aus der unmittelbaren Umgebung best\u00fcckt. Den Stoff, aus dem ihre Objekte sind, fand sie in der Szczeciner Werft, in der Papier- und Kabelfabrik, in der Oper und im TRAFO-Keller. Es sind tats\u00e4chlich banale, allt\u00e4gliche Dinge, die jedoch auf fast alle Sinne wirken und einen transzendentalen Touch haben. Die K\u00fcnstlerin scheint eine Zauberin zu sein. Sie verwandelt Kabel in Kokons und Nester, aus denen Kinderstimmen ert\u00f6nen, und Theaterstrahler in Vogelschw\u00e4rme. Sie verleiht der dinglichen Banalit\u00e4t eine sonderbare Attraktivit\u00e4t und der gesellschaftlichen Realit\u00e4t eine Stimme, die mal still, mal schrill oder bedrohlich klingt. Denn, wie das Motto der Retrospektive lautet, \u201esolange wir eine Stimme haben, m\u00fcssen wir sie gebrauchen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Oxymoron t\u00f6nt polyphon<\/strong><\/p>\n<p>Die Ausstellung unter dem zugleich gew\u00f6hnlichen und ungew\u00f6hnlichen Titel\u00a0<i>Environment. A&nbsp;Future Retrospective<\/i>\u00a0zeichnet sich durch eine besondere Herangehensweise an das Material aus, das Zorka Wollny zu einem vielstimmigen Gebilde aus mehr oder weniger abstrakten Sounds, visuellen Zeichen, Objekten und W\u00f6rtern arrangiert. Sprachlich sind die Namen ihrer Arbeiten Oxymorons, denn eine Retrospektive blickt in die Vergangenheit und hat mit Zukunft eigentlich nichts zu tun. Ein Wiegenlied (<i>Lullabies To&nbsp;Wake Up<\/i>) weckt nicht, es lullt ein; Schallplatten k\u00f6nnen nicht verschwinden (<i>Vanishing Vinyls<\/i>), es sei denn, sie sind in Handarbeit aus Wachs gefertigt.\u00a0<i>Drum Loom<\/i>\u00a0ist ein sch\u00f6ner Reim, vielleicht ein englischer Begriff aus der Musikbranche, aber im Deutschen passt Schlagzeug nicht zum Webstuhl. Die Kunst ist f\u00fcr Zorka Wollny ein subversives Spiel mit Gegens\u00e4tzen, denen sie eine neue Bedeutung zuweist. Sprachwitz und Humor sind nicht die einzigen Merkmale ihrer verbalen und visuellen Sch\u00f6pfungen. Sie hat ein Feeling daf\u00fcr, was sich hinter dem mehrdeutigen Terminus Environment verbirgt: Umgebung, Umwelt, Happening, Performance und Politik. Auf Proteste, politische Willk\u00fcr, gesellschaftliche Wut und Ohnmacht antwortet die K\u00fcnstlerin und Aktivistin mit vokalen Aktionen im \u00f6ffentlichen Raum, an denen sich ihre Freundinnen und Freunde, Bekannte und Unbekannte beteiligen. Sie ist eine \u00fcberzeugende Teamworkerin und arbeitet mit Leuten, die ihr seit Jahren nahestehen wie zum Beispiel die Komponistinnen Jasmine Guffond und Christine Sch\u00f6nkhuber, die Kuratorin Joanna Warsza, die Philosophin Ewa Majewska und der Schlagzeuger der Berliner Band\u00a0<i>Einst\u00fcrzenden Neubauten<\/i>, N.U. Unruh, der fantastische Instrumente (darunter die vom\u00a0<i>Drum Loom<\/i>) aus gebrauchten, gebrauchsf\u00e4higen oder gefundenen Objekten baut und darauf atemberaubend und ohrenbet\u00e4ubend spielt.<\/p>\n<p><strong>Einfach nur eine Spur<\/strong><\/p>\n<p>2019 gr\u00fcndete Zorka Wollny in Berlin den\u00a0<i>Psychodelic Choir<\/i>, an dem neben ihr sieben K\u00fcnstlerinnen (Florence Freitag, Gosia Gajdemska, Irina Gheorghe, Pauline Payen, Karoline Strys, Lyllie Rouvi\u00e8re und Leah Buckareff) mitwirken. Ihr Auftritt bei der Er\u00f6ffnung von\u00a0<i>A&nbsp;Future Restrospective<\/i>\u00a0im TRAFO Szczecin macht stumm, denn die von ihnen imitierten Laute der V\u00f6gel, Insekten, Naturgewalten und Fabelwesen lassen sich in Worte nicht fassen. Sie gaben ihr Konzert in v\u00f6lliger Dunkelheit auf der obersten Empore und f\u00fcllten den ganzen Raum mit einem Klangteppich wie aus einem Traum jenseits von Gut und B\u00f6se. Das war ein einmaliges Ereignis und eine \u201eephemere Erfahrung\u201c, die, wie Zorka meint, \u201enur hier und jetzt existiert, sich nicht wiederholen kann, denn jede Dokumentation einer solchen Aktion ist einfach nur ihre Spur.\u201c Nach dem Ende der Zukunftsretrospektive kehren die Stoffe und Dinge, aus denen Skulpturen, Klangobjekte und Installationen bestehen, an ihre Leihgeber und Produzenten zur\u00fcck, wo sie repariert, weiter benutzt oder recycelt werden. Somit ist Environment auch ein Beitrag zum Thema, \u201ewie Kunst in Zeiten der Klimakatastrophe (sowohl in den vier W\u00e4nden der Galerie als auch drau\u00dfen) praktiziert werden kann.\u201c Das hei\u00dft: Nichts verschwenden, alles so oft wie m\u00f6glich wieder verwenden, um die Menschheit und die von ihr gebeutelte (Um)-Welt wenigstens ein bisschen zu retten.<\/p>\n<p>Urszula Usakowska-Wolff,<a href=\"https:\/\/www.art-in-berlin.de\/incbmeld.php?id=5293\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> https:\/\/www.art-in-berlin.de\/<\/a>, 28.03.2020<\/p>\n<p>Zorka Wollny: Environment. A&nbsp;Future Retrospective<br \/>\nKuratorin: Joanna Warsza<br \/>\nbis 30 May 2020<br \/>\nTRAFO Center for Contemporary Art<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kabel klingen, Kugeln schwingen, Leute und Dinge singen Die Soloschau\u00a0Environment. 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