{"id":2461,"date":"2020-07-01T09:47:59","date_gmt":"2020-07-01T09:47:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zorkawollny.net\/?p=2461"},"modified":"2026-10-08T17:36:28","modified_gmt":"2026-10-08T17:36:28","slug":"der-knisternde-tod-the-future-retrospective-reviewed-by-julia-gwendolyn-schneider-de","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zorkawollny.net\/?p=2461","title":{"rendered":"DER KNISTERNDE TOD &#8211; The Future Retrospective rezensiert von Julia Gwendolyn Schneider"},"content":{"rendered":"<h1><span class=\"Titel\">Der knisternde Tod<\/span><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zorka Wollny schafft Werke, die den Augenblick privilegieren. Jetzt zeigt die polnische K\u00fcnstlerin ortsspezifische Sound- und Objektarbeiten in der Kunsthalle Trafo in Stettin<\/strong><\/p>\n<p>Eine wei\u00dfe, etwas unf\u00f6rmige Schallplatte l\u00e4dt zum Anh\u00f6ren ein. Sobald sich die Nadel auf die Platte herabgesenkt und die ersten knisternden T\u00f6ne erklingen, r\u00fcckt die Platte ihrem Tod n\u00e4her. Sie nutzt sich ab, der abstrakte Sound klingt erodiert. Nach dem hundertsten Mal l\u00e4sst sich die fragile Low-Fi Disc nicht mehr abspielen. Anzuh\u00f6ren ist sie in der Kunsthalle Trafo in Stettin in einer sehr sehenswerten Retrospektive von Zorka Wollny. F\u00fcr die 1980 in Krakau geborene K\u00fcnstlerin, die in den letzten 15 Jahren vor allem ortsspezifisch mit Sound und Choreografie arbeitete, ist die Platte ein guter Metakommentar zu ihren Werken, die den Augenblick privilegieren.<\/p>\n<p>Die Platte dokumentiert ein Konzert, das Wollny 2014, als sie gerade nach Berlin gezogen war, in einer ehemaligen Malzfabrik inszenierte. Das Besondere an Wollnys Umgang mit Architektur und Klang findet sich bereits in ihrer allerersten Arbeit \u201eConcert for High Heels\u201c (2004). Die K\u00fcnstlerin lie\u00df Frauen in hochhackigen Schuhen durch ein Geb\u00e4ude stolzieren. In der Choreografie machten die Laufger\u00e4usche Flure, Treppen und schlie\u00dflich den gesamten Grundriss h\u00f6rbar. In der Fabrik sorgten klassische Instrumente, Alltagsgegenst\u00e4nde und Gesang f\u00fcr eine akustische Pr\u00e4senz des Bauwerks. Es kamen aber auch polternde Kugeln, die durch das Rohsystem geschickt wurden, und das Knirschen von zerbrochenem Glas zum Einsatz.<\/p>\n<p>Wenn nun bei Trafo in der Haupthalle der einstigen Elektrizit\u00e4tsanlage von Zeit zu Zeit Metallkugeln eine R\u00f6hre hinabst\u00fcrzen und laut in einem Eimer aufprallen, ist das ein Zitat aus dem Fabrikkonzert. Die Besucher k\u00f6nnen aber nicht nur die Kugeln ins Rollen bringen, sondern auch \u00fcber Glas, Kieselsteine oder Papierschnipsel laufen und die Materialien auditiv wahrnehmen.<\/p>\n<p>Die Ausstellung zeigt zahlreiche Performancedokumentationen. Wollny schuf in der gro\u00dfen Halle aber auch einen Raum voller Ger\u00e4usche, wobei jede Klangarbeit eine visuelle Repr\u00e4sentation erhielt. Sehr gelungen ist das im Werk \u201eDie V\u00f6gel\u201c, eine Soundarbeit, die sich auf Hitchcocks gleichnamigen Thriller bezieht. Urspr\u00fcnglich griff Wolly die elektronischen Kl\u00e4nge des bekannten Soundtracks auf, um die Rebellion der V\u00f6gel vor dem inneren Auge wieder entstehen zu lassen. In der Reinszenierung t\u00f6nen die subharmonischen Schreie aus schwarzen Scheinwerfern, die wie ein Kr\u00e4henschwarm platziert sind.<\/p>\n<p>Indem Wollny ihre Klangarbeiten mit Objekten kombiniert ist sie bildhauerisch t\u00e4tigt. Dennoch m\u00f6chte sie \u201enicht zu viel Kunstm\u00fcll produzieren\u201c. Sie arbeitet mit den \u00f6rtlichen Gegebenheiten und betreibt Recycling. Die Reflektoren sind ausrangiert und von der Stettiner Oper geborgt. Wollny nutzte auch Ressourcen aus dem nahe gelegenen Hafen. Ein Fischernetz dient als Sitzkissen, um dem Psychedelic Choir \u00fcber Kopfh\u00f6rer in die Untiefen des Meeres zu folgen. Der Chor ist eine siebenk\u00f6pfige Frauenband, die Wollny gegr\u00fcndet hat. Ihr Gesang geht von imagin\u00e4ren Landschaften aus und erzeugt, fast nur mit den eigenen Stimmen, gespenstische Ger\u00e4uschkulissen.<\/p>\n<p>N.\u202fU. Unruh von den Einst\u00fcrzenden Neubauten lud Wollny ein, eins seiner selbstgebauten Drum Kits mit ausgefr\u00e4sten Stahlst\u00fccken, \u00d6ltonnen und anderen Elementen von der Werft zu kombinieren. Der Schlagzeuger ist daf\u00fcr bekannt, dass er alles auf seine akustische Verwertbarkeit \u00fcberpr\u00fcft. Zur Er\u00f6ffnung experimentierte er mit der Drum-Installation und verteilte Trommelst\u00f6cke ans Publikum. Pl\u00f6tzlich wurde es gewaltig laut. Einander fremde Menschen, Kinder und Erwachsene, verausgabten sich an den Schlaginstrumenten und lie\u00dfen sich von Unruhs rhythmischen Backing-Tracks zu einem kollektiven Klangereignis mitrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Wollny arbeitet gerne mit kollektiven Performances. 2019 schuf sie zur Biennale in Warschau das \u201ePolyphonic Manifesto\u201c. An der musikalischen Demonstration auf der Stra\u00dfe waren ein Chor und Bewohner der Stadt beteiligt. Wollny vereinte sie zu einer Stimmengemeinschaft, die ihrem Zweifel und ihrer Frustration an der rechtsgerichteten, neoliberalen polnischen Politik Ausdruck verlieh. W\u00e4hrend diese Arbeit als reine Dokumentation zu sehen ist, l\u00e4sst Wollny im Keller von Trafo Ausz\u00fcge aus einem Konzert erklingen, das in einer stillgelegten Goldmine in der Slowakei stattfand. Zwar geht hier der ortsspezifische Kontext verloren, der dunkle Raum macht aber die auditive Greifbarkeit von Wollnys abstrakten Noiserfahrung besonders deutlich. Das Geh\u00f6rte wird geradezu k\u00f6rperlich sp\u00fcrbar und regt die Imagination an. Dabei liegt die Magie von Wollnys H\u00f6rerfahrungen immer auch im Einsatz von Disharmonien. Sie liebt es, unperfekte Stimmen und unberechenbare Ger\u00e4usche ins Spiel zu bringen.<\/p>\n<p>Julia Gwendolyn Schneider,\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/taz.de\/!5666532\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/taz.de\/<\/a>, 03.03.2020<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der knisternde Tod &nbsp; Zorka Wollny schafft Werke, die den Augenblick privilegieren. Jetzt zeigt die polnische K\u00fcnstlerin ortsspezifische Sound- und Objektarbeiten in der Kunsthalle Trafo in Stettin Eine wei\u00dfe, etwas unf\u00f6rmige Schallplatte l\u00e4dt zum Anh\u00f6ren ein. 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